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Kritisieren und ehrlich sein – ein Widerspruch?

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(c) Photomorphic/Fotolia
09.10.2015
Echte Liebe schweigt – und ist Dynamik!
 
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Von Markus Züger

Die Wahrheit präsentiert sich uns in unterschiedlichsten Facetten. Die einen erleben Ehrlichkeit als Bedrohung, andere vermissen die offene, wenn auch manchmal schmerzhafte Ehrlichkeit. Wenn die Balance zwischen Liebe und Ehrlichkeit stimmt, kann Vertrauen wachsen und Menschen auch in schwierigen Situationen zusammenbringen.

Lieben bedeutet tiefe Zuneigung und starke Wertschätzung gegenüber einem Menschen. Echte Liebe sucht nicht die Entgegnung – echte Liebe liebt einfach. Wer einen andern Menschen tief liebt, nimmt ihn so an wie er ist. Und dieser Mensch nimmt auch sich selber so an wie er ist. Dies gelingt nur wenigen Menschen wirklich. Sich ganz anzunehmen und den andern so zu lieben wie er oder sie ist, ist eine hohe Kunst – und oft auch wie ein Geschenk.

Ehrlichkeit wächst aus dem Wortstamm «Ehre» heraus.

Es ist nicht ehrenhaft, wenn man lügt. Es ist aber ehrenhaft, wenn man ehrlich auch zu sich selber ist. Ehrlichkeit hat also einerseits mit «nicht lügen», also wahr sein zu tun, andererseits aber auch mit ehrlich zu sich selber und seinen Schwächen sein. Wir reden heute oft von Wahrnehmung. Was ich subjektiv wahrnehme, ist für mich immer 100 Prozent wahr! Dies ist  aber selten das Gleiche, was der andere wahrnimmt. Wir sehen also, dass sowohl echte Liebe als auch wirkliche Ehrlichkeit hohe Werte sind, die kaum erreichbar und von uns Menschen nie 100 Prozent lebbar sind.

Wir lügen pro Tag rund 200 Mal
In Studien und Untersuchungen über die Anzahl der Lügen pro Tag begegnet uns die Zahl 200 am meisten. Wir sagen «Danke», obwohl wir etwas nicht schätzen; wir geben auf heikle Fragen nicht wirklich ehrliche Antworten; wir beschreiben Dinge besser oder schlechter als sie wirklich sind; wir sagen unserem Partner nur teilweise, was wir über ihn denken; wir nehmen Sachverhalte nicht wirklich so wahr, wie sie waren und erzählen das dann so weiter; wir loben Menschen, obwohl wir sie gar nicht so positiv sehen etc. etc. etc. Vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Es ist schlimmer, wenn wir andere oft zu Unrecht beschuldigen und behaupten, dass sie lügen und ihnen dann das Vertrauen  entziehen. Es ist schlim-mer zu glauben, immer meinen ehrlich sein zu müssen und damit Menschen unnötig zu verletzen. Immer wieder beobachte ich, wie Menschen aus einem innerem Druck heraus der Wahrheit gegenüber im negativen Sinne ehrlich sind und damit sich und andere verletzen. Das ist weder nötig noch notwendig: Es «wendet» keine «Not», im Gegenteil: Es schafft oft Not!

Wer hat nun wirklich Recht?
Wer hat Recht? Ein Zermatter sagt: «Das Matterhorn ist ein gewaltiger Berg.» Der Norditaliener hingegen meint: «Das Matterhorn ist ein unscheinbarer Berg in den Alpen.» Es ist Ansichtssache. Denn das Matterhorn präsentiert sich nicht von allen Seiten so imposant wie auf den Postkarten. Herauszufinden, ob und wie stark jemand wirklich lügt oder doch Recht hat, ist oft gar nicht möglich! Ein weiteres Beispiel zeigt dies auf: Philip überlegt sich mehrere Male, was er seinem Chef zur einer bestimmten Sache sagen möchte. Im Gespräch kommt ihm dies immer wieder in den Sinn, letztlich getraut er sich aber doch nicht, sein Anliegen wirklich vorzubringen. Er tönt es nur an, sagt es aber nicht  deutlich. Weil er sich dies aber mehrmals überlegt hat, ist dies in seinem Gehirn fest abgespeichert als «Ich habe es gesagt». In Wirklichkeit hat er es aber nicht gesagt. Zwei Tage später, beim nächsten Gespräch mit dem Chef, ist er deshalb absolut sicher, dass er das so gesagt hat. Der Chef verneint das – und der Mitarbeiter ist überzeugt, dass sein Chef lügt, und erzählt das auch so weiter. Einige Betroffene verlieren dadurch das Vertrauen zu ihrem Chef, obwohl er gar nichts falsch gemacht hat.

Es kann aber auch sein, dass der Mitarbeiter etwas wirklich sagt, und der entsprechende Chef hört nicht wirklich hin und nimmt es deshalb nicht wahr. Zwei Tage später behauptet dieser Chef, dass sein Mitarbeiter dies sicherlich nicht gesagt hat, und er erzählt weiter, dass sein Mitarbeiter lügt. Hier leidet dann der Mitarbeiter unverdientermassen. Von solchen Situationen erfahre ich als Berater in der Firmenwelt immer wieder; und auch im persönlichen Leben beobachte ich, wie Menschen andere des Unrechts und der Lüge bezichtigen, obwohl das gar nicht so war. Wahrheit wird so zur Rechthaberei und Ehrlichkeit zu falsch verstandenem Urteilen über andere mit sehr vielen negativen und verletzenden Folgen.

Liebe überwindet Rechthaberei
Es scheint also tatsächlich oft nicht möglich zu sein, richtig zu beurteilen, wer nun die Wahrheit gesprochen oder richtig gehandelt hat. Solche Rechtsstreitigkeiten führen nur zu Konflikten und zu gestörten Beziehungen. Sie bringen Unfrieden, Streit und letztlich Krieg. Hier dient Ehrlichkeit und Wahrheit weder der Sache noch den Menschen. Die Liebe wird durch «falsche» Ehrlichkeit zerstört. Letztlich bleiben dann weder die Wahrheit noch die Liebe übrig!

Viele Philosophen und Ethiker sind deshalb der Meinung, dass es letztlich nicht entscheidend ist, ob jemand lügt oder nicht, sondern welche Motive dahinterstecken und ob Liebe mit im Spiel ist. Dieser Einschätzung folge ich grösstenteils. Ich bin überzeugt, dass echte Liebe nicht auf Wahrheit und Ehrlichkeit bestehen muss. Liebe liebt, auch wenn ihr Unrecht geschieht. Solche Menschen sind wirklich überzeugend und überwinden das Böse!

Echte Liebe schweigt – und ist Dynamik!
Menschen, die sich und andere echt lieben, haben es nicht mehr nötig «Recht zu haben». Sie lieben einfach – und sie lieben auch, wenn der andere scheinbar lügt oder zumindest nicht die ganze Wahrheit sagt. Diese Art von Liebe bleibt ehrlich, aber nur dort, wo es dem Gegenüber nützt oder ihn weiterbringt. In andern Situationen schweigt diese Art von Liebe, weil es eben mehr als um Wahrheit oder Ehrlichkeit geht.

Mein Freund Theo hat mir dies vorgelebt: Als wir vor rund 30 Jahren auf dem Lago Maggiore in einem Ruderboot unterwegs waren, erzählte ich ihm, wie mir bewusst geworden sei, wie egoistisch ich tief innen bin. Da schaute er mich liebevoll an und sagte bestätigend: «Schön, dass Du das nun gemerkt hast.» Daraufhin fragte ich ihn, warum er mir das nicht früher schon gesagt habe. Er meinte: «Schau Markus, die Liebe Gottes ist wie das Wasser auf dem Lago Maggiore; sie trägt uns und hält uns in Liebe aus. So möchte ich auch leben; und deshalb habe ich Dir dies nicht gesagt. Ich habe einfach gebetet, dass Du das selber merkst.» Das hat mich tief berührt und enorm gestärkt!

Menschen, die so leben und lieben, machen ihre Liebe nicht abhängig vom andern oder dessen Verhalten. Diese Art zu lieben ist Dynamik pur, verändert ganz Vieles zum Positiven und überwindet das Böse. Diese Art von Lieben beinhaltet eine Kraft, die fast nicht zu überwinden ist. Sie ist vergleichbar mit der Auferstehungskraft von Jesus Christus, die den Tod überwunden hat. Es braucht lange, bis Menschen diese Art von Liebe entdecken und leben lernen. Diese Art von Liebe ist totale Freiheit und macht diese Menschen selber und ihre Umgebung tief glücklich.

Echte Liebe redet: MMMM! MMMM bedeutet: «Man Muss Menschen Mögen!» Dies ist eine moderne Form von «Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst». Wer ehrlich zu sich selber ist, weiss, wie viele Mängel er selber hat; und deshalb akzeptiert er solche auch bei andern Menschen. Vor einigen Wochen habe ich mich deshalb entschieden, meine Unvollkommenheit, Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit Verantwortung zu übernehmen zu akzeptieren – und dies gleich auch bei anderen zu tun. Ich kann ja diese Menschen – und oft mich selber – nicht verändern.
Wenn ich sie akzeptiere wie sie sind, und diese Menschen wie auch mich liebe, komme ich wie in eine neue Sphäre von Leben hinein; ein
Leben in Ehrlichkeit und Liebe, das frei und froh macht! Mit diesem Fundament von Liebe darf ich ehrlich sein zu andern. Auf dem Boden dieser Liebe ist Ehrlichkeit und Wahrheit möglich und auch hilfreich. Rückmeldungen und Kritik von solchen Menschen nimmt man gerne an, denn man merkt, dass sie aus gesundem Leben und einem konstruktiven Miteinander geboren wurden.

Ehrlichkeit liebt
Wer diese Art von Ehrlichkeit sich und andern gegenüber lernt, der ist auf dem Weg, wirklich zu lieben und echte Wahrheit kennenzulernen: Wahrheit, die Leben ermöglicht; und nicht Wahrheit, die Recht haben will. Ich denke, dass Jesus in etwa das gemeint hat, als er sagte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Es geht nicht mehr darum, Recht zu haben, sondern darum, das Richtige zu tun. Recht zu haben ist oft sehr verletzend und für andere demütigend, das Richtige zu tun ist lebensspendend und befreiend. Es ist ja nicht meine Verantwortung, den andern zu verändern oder umzuerziehen. Menschen sind so wie sie sind; und ich möchte noch mehr lernen, die andern so anzunehmen wie sie sind, ohne sie verändern zu wollen.

Egoistische Liebe zerstört
In vielen Beziehungen lieben die Partner sich nicht wirklich, sie lieben nur das Wunschbild des andern. Sobald sich der andere anders verhält als wir es uns wünschen und wie wir es uns vorstellen, geht die Liebe verloren. Wirkliche Liebe nimmt sich und den andern so an wie er/sie eben ist. Liebe will nicht verändern: Liebe will nur zeigen, dass sie da ist – und sie liebt. Sie liebt auch dann, wenn der andere sich unmöglich benimmt. Dies hat uns Jesus Christus wie kaum ein anderer vorgelebt.

«Du hast schon Recht, aber meine Meinung gefällt mir besser!» Solche entschärfend-lustigen Sätze zeigen auf, worum es gehen muss. Ehrlichkeit ohne zu lügen ist erstrebenswert, aber kaum von jemandem wirklich lebbar – Ehrlichkeit gepaart mit Liebe ist dagegen hilfreich und lebensfördernd. In Streitgesprächen oder Konflikten ist es oft hilfreich zuerst aufzuzeigen, warum eigentlich beide Parteien aus ihrer Sicht Recht haben. Nicht ohne Grund sind sie ja von ihrer jeweiligen Ansicht überzeugt. Es bringt danach viel mehr herauszufinden, welche Lösung nun beiden hilft oder die Bedürfnisse von beiden Parteien so gutwie möglich befriedigt statt herauszufinden, wer nun mit seiner – meist einseitigen – Meinung oder Lösung Recht hat.

Ehrlichkeit ohne Liebe tötet
Wer die Ehrlichkeit und seine Ansicht von Gerechtigkeit und Recht vertritt, ist oft für andere kaum auszuhalten. Er hebt seine Sicht der Wahrheit (seine subjektive Wahrnehmung) über die Sicht der andern und verletzt sehr. Oft sehen wir bei anderen besser als bei uns selber, was nicht stimmt. Dies zeigt ja auch der Spruch «Nimm zuerst den Balken aus Deinem Auge, bevor Du den Splitter im Auge Deine Gegenübers entfernen versuchst.» Es ist oft ehrlicher und sicherlich liebevoller, solche Dinge nicht anzusprechen; oder nur dann, wenn es der andere will oder wirklich braucht. Und wenn wir den Eindruck haben, dem andern etwas sagen zu müssen, dann ist es sinnvoll, dies als «meine Sichtweise» zu bringen. Wir sagen es dann bescheidener; mit Blick auch auf unsere Unvollkommenheit. Wir sagen es möglichst konstruktiv. Statt «Du bist immer so hart!» könnten wir sagen: «Ich würde es schätzen, wenn Du die Dinge etwas liebevoller sagen würdest.» oder «Wenn Du Dinge in diesem Ton sagst, fühle ich mich angegriffen. Ich wäre froh, wenn Du dies etwas angepasster sagen könntest.»

Schonungslose Fairness
Wenn ich diesen Weg der Bescheidenheit, der echten Liebe und des «Nicht-Recht-haben-Wollens» gehe, dann kann ich mir immer mehr zutrauen, ganz ehrlich zu sein. Wenn der Boden meines Redens von dieser Liebe geprägt ist, dann darf ich Kritisches beim Andern ansprechen; dort, wo es hilfreich und nötig ist. Ich muss den andern dann nicht mehr «schonen», sondern ich darf fröhlich, offen und fair sagen, was ich wahrnehme. Dies hilft im konstruktiven Sinne, ehrlicher zu sein und trotzdem in Liebe zu bleiben.

Wer einen gesunden Selbstwert hat, liebt ehrlich
Dabei hilft es, den eigenen Selbstwert und die eigene Identität zu stärken. Menschen mit gutem Selbstwert haben es nicht nötig Recht zu haben und auf der Wahrheit herumzureiten; sie wissen wer sie sind. So können sie einfach lieben ohne Recht haben zu müssen und können andere annehmen, auch wenn diese unvollkommen sind. Ein gesunder Selbstwert kann gestärkt werden durch das Wissen, wer wir in den Augen unseres Schöpfers sind: Wir sind wertvolle und geliebte Söhne und Töchter unseres Gottes! Das stärkt die eigene Identität enorm und macht uns auch unabhängiger von Erfolg, Sicherheit und Anerkennung durch andere. Das erlebe ich immer mehr. Und es macht echt frei und gibt enorme Kraft zu lieben! Das wünsche ich Ihnen von Herzen.
 

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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