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Im Brennpunkt

«Die Grenzen manchmal einfach aushalten»

Oliver Merz
Oliver Merz | (c) zVg
15.02.2020
Leben mit körperlichen Grenzen durch Multiple Sklerose
 
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Was es heisst, an seine eigenen Grenzen zu kommen, weiss Oliver Merz ganz genau. Seit 30 Jahren lebt er mit der Diagnose «Multiple Sklerose» (MS). Die Krankheit begrenzt ihn in seinem Alltag seither immer wieder – mal mehr, mal weniger. Wie er gelernt hat, mit diesen von aussen gesetzten Grenzen umzugehen, erzählt er im Interview.

 

[Life Channel Magazin] Oliver Merz, wo erleben Sie im Alltag, dass die Krankheit MS Sie einschränkt und Ihnen Grenzen setzt?
[Oliver Merz] Die Grenzen erfahre ich mal mehr, mal weniger stark. Ganz zu Beginn der Krankheit waren die Einschränkungen während rund fünf Jahren zwischenzeitlich aber massiv. Ich hatte drei sogenannte MS-Schübe mit monatelangen Lähmungserscheinungen und anderen einschneidenden Symptomen. Arbeiten oder bspw. der Besuch von Vorlesungen am theologischen Seminar war teilweise nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich. Nach den Schüben folgte jeweils eine lange Aufbau- und Trainingsphase, wie bei einem Leistungssportler.

 

Seither hatte ich Gott sei Dank keinen eigentlichen Schub mehr erlebt. Die Symptome waren ungefähr 15 Jahre lang sehr moderat. Nun, mit zunehmendem Alter nehmen altersgemässe Symptome und Einschränkungen teilweise zu. Und diese Limitationen machen sich im Alltag schon bemerkbar: schmerzhaftes Kribbeln am ganzen Körper, Spastik (Krämpfe), Empfindungsstörungen, manchmal kleinere motorische Aussetzer. Zudem bin ich schneller müde als der Durchschnitt. Medizinisch betrachtet, habe ich aber immer noch einen sehr günstigen Krankheitsverlauf.

 

Ich habe gelernt, meine tägliche Leistungskurve zu nutzen und versuche, die Tages und Arbeitsplanung weitgehend danach auszurichten. Der Alltag erfordert eine sorgfältige Planung. Ich versuche möglichst weit im Voraus zu überlegen, was ich mir zumuten kann, wo ich bei zusätzlichen Aufgaben vorsichtig sein muss, wie viele Aktivitäten drin liegen. Auch braucht es Offenheit und Transparenz – von mir, meiner Familie und meinem Umfeld. Trotz Einschränkungen bin ich bis heute nahezu normal arbeitsfähig. Punktuell braucht es Flexibilität von allen, das sind aber die Ausnahmen. Das Familienleben und die Freizeit sind vermutlich stärker von meiner Krankheit betroffen.

 

Was hilft Ihnen, wenn Sie an Ihre Grenzen kommen?
Wenn es seltenerweise akut ist, muss ich möglichst rasch reagieren. Da muss ich mir und auch anderen gegenüber ehrlich kommunizieren. Es ist ab und zu eine Gratwanderung: Wo lohnt es sich, gegen eine Grenze anzukämpfen? Wo stelle ich mich der Grenze besser und suche Ruhe? Ich muss manchmal entscheiden, ob «Widerstand» oder doch besser «Ergebung» angemessen ist.

 

Was geschieht, wenn Sie Widerstand leisten und die Grenzen der Krankheit überschreiten?
Das ist sicher bei jedem MS-Betroffenen unterschiedlich. Persönlich habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass ein gewisser Widerstand zuweilen hilft und zielführend ist. Zum Beispiel, wenn die Schmerzen oder das Kribbeln im Körper so stark werden, dass ich mich schlechter konzentrieren kann. Da kann mir eine Ablenkung helfen, beispielsweise Sport treiben oder Bilder malen. So kann ich mich quasi selbst überlisten. Die Psychologie würde das wohl «Sublimieren» nennen.

 

Aber manchmal ist es auch nicht möglich, diese Begrenzungen zu durchbrechen. Da habe ich keine andere Möglichkeit, als die Symptome und die Grenzen einfach auszuhalten. Vereinzelt helfen mir dann auch Medikamente.

 

Ist es möglich, die Grenzen der Multiplen Sklerose positiv zu beeinflussen oder zu verschieben?
Bei meiner Diagnose vor 30 Jahren wusste man noch nicht so viel über MS. Trotzdem gaben mir die Ärzte den Rat, so gesund wie möglich zu leben. Eigentlich so, wie wir es alle sollten. Dieser Ansatz hat mir geholfen, die Grenzen der Krankheit positiv zu verschieben oder mindestens positiv zu beeinflussen. Durch genügend Schlaf, wenig Stress, ausgewogene Ernährung, einem konstanten Tagesrhythmus und regelmässigem Sport sind die Symptome sicher ausgeglichener oder weniger einschneidend. Es hilft mir auch, dass ich den Alltag sehr bewusst plane und wenig dem Zufall überlasse. Das erlaubt mir auch, «bewusst spontan» zu sein. Die Einschränkungen sind – wenn sie dann auftreten – besser zu bewältigen.

 

Welche Rolle spielt für Sie der Glaube im Umgang mit Ihren Grenzen?
Ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube eine Hilfe im Umgang mit Grenzen und bestenfalls die Bewältigung derselben sein kann. Die Forschung und Erfahrung vieler Menschen bestätigen das. Der Glaube ist eine Ressource, aber er kann auch das Gegenteil werden. Wenn einseitige und absolute Überzeugungen ins Spiel kommen, wird das Leiden oft nur noch schlimmer.

 

Können Sie Ihren körperlichen Grenzen auch Gutes abgewinnen?
Meine Grenzen haben mich auch innerlich reifen und wachsen lassen. Vielleicht am deutlichsten ist das für mich beim Glauben. Als die Diagnose kam, hatte ich mich erst kurze Zeit bewusst auf den christlichen Glauben eingelassen. Die Krankheit hat mich gezwungen, mein damaliges Gottesbild stark zu hinterfragen, es wurde regelrecht erschüttert: Wie kann ich an einen guten, barmherzigen Gott glauben, wenn er mich derart leiden lässt? Warum heilt Gott mich nicht, wenn er doch könnte? Da standen dann gleich die grossen theologischen Fragen im Raum.

 

Mit der Zeit entdeckte ich wichtige Zusammenhänge zwischen Krankheit und Glaube und konnte Gott auch neu erleben. Ich merkte zum Beispiel, dass meine Begrenzungen der Stärke Gottes Raum geben können, so wie es auch Paulus in seinem Brief an die Christen in der griechischen Stadt Korinth beschreibt. (2. Korinther, Kapitel 12) Der christliche Glaube gibt mir Ansätze, die Krankheit für mich zu akzeptieren und ins Leben zu integrieren. Ja, ich glaube heute immer noch, dass Gott Gebete erhören und heilen kann, aber eben nicht immer. Persönliche Grenzen, schwierige Lebensumstände und Spannungen mit Gottes Hilfe aushalten zu können ist aus meiner Sicht ebenso ein Wunder, wie wenn ich Heilung erleben würde.

 

Zur Person

Oliver Merz, geboren 1971, wohnhaft in Thun, ist verheiratet mit Monika Merz und dreifacher Familienvater. Er lebt seit dem 19. Lebensjahr mit der Diagnose «Multiple Sklerose» (MS).

 

Oliver Merz hat Theologie studiert und anschliessend zum Thema Inklusion, Behinderung und Pfarrberuf in Frei- und Landeskirchen doktoriert. Er arbeitet unter anderem als Gastdozent und Referent sowie freier Mitarbeiter für den Verein «Glaube und Behinderung».

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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